Im Zweifel für den Zweifel. Die wahren und die falschen FreundInnen der Skepsis

Wer die Medienbereichte dieser Tage verfolgt, könnte den Eindruck bekommen, dass wir in einer Zeit der kritischen Geister leben: Allerorten ist von Skeptikern, Kritikern und Zweiflern die Rede. Fällt der Blick dann aber auf die Gegenstände des Zweifels, kann mensch schon ins Zweifeln kommen. Was bedeutet es, wider besserer naturwissenschaftlicher Erkenntnis eine Pandemie anzuzweifeln? Sich als „Impf-Skeptiker“ oder als „Corona-Skeptikerin“ zu gebaren? Hat die Skepsis so etwas verdient?

»And don’t criticize
What you can’t understand«

(Bob Dylan)

 

Kritik, Skepsis, Zweifel – dies sind Begriffe, die in der philosophischen Tradition eine zentrale Rolle einnehmen. Es geht dabei um entscheidende Operationen der menschlichen Erkenntnis- und Verstandesfähigkeit. Eine Person, die zu einer Kritik befähigt ist, ist imstande, etwas anhand von Maßstäben zu beurteilen. Dies klingt beiläufiger und selbstverständlicher als es tatsächlich ist. Sie muss den zu kritisierenden Gegenstand respektive die Handlung, die in den Fokus der kritischen Beurteilung genommen werden soll, gründlich prüfen, der Sache auf den Grund gehen. Um mit anderen Worten auf den Kritikbegriff der Frankfurter Schule zu sprechen zu kommen, der seinerseits in Auseinandersetzung mit den philosophischen Systemen Kants, Hegels und Marxens entwickelt wurde: Kritik, als symbiotische Einheit von philosophisch-wissenschaftlicher Theorie und sozialer Praxis verstanden, bedarf einer umfangreichen, elaborierten und kenntnisreichen Beschäftigung mit seinem Sujet, um aussagekräftig, um mehr als bloßes Ressentiment im Deckmantel des Gedankens zu sein. Nicht zufällig widmeten Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und andere PhilosophInnen und TheoretikerInnen im Umfeld des Instituts für Sozialforschung einen Großteil ihrer Lebenszeit der Darlegung einer kritischen Analyse des sozialen Lebens der Gegenwart. Kritik ist Arbeit und braucht Zeit. In dieser – zugegeben verkürzenden Pointe – unterscheidet sie sich nicht von der Philosophie selbst. Eine kritische Prüfung kann sich nicht in reiner, unreflektierter, galliger Emotion ergehen, wenn aus ihr heraus eine Stellungnahmen oder Beanstandung entwickelt werden soll, die über Beiläufigkeit und Impulsivität hinaus Anspruch auf Gültigkeit erheben kann. Wie die Philosophin bzw. der Philosoph muss auch die Kritikerin bzw. der Kritiker am Zweifel wachsen. Das heißt für sie respektive ihn, zuerst den Zweifel auf sich selbst zu richten. Das lehren schon Descartes Meditationen. Doch diese Art von Selbstzweifel richtet sich nicht gegen die eigene Person per se, sondern setzt als methodischer Zweifel bei den Prinzipien der Erkenntnis an, hinterfragt also all das, was der oder die Zweifelnde bisher als wahr hielt:

»Schon vor einer Reihe von Jahren habe ich bemerkt, wieviel Falsches ich in meiner Jugend als wahr habe gelten lassen und wie zweifelhaft alles ist, was ich hernach darauf aufgebaut, und daß ich daher einmal im Leben alles von Grund aus umstoßen und von den ersten Grundlagen an neu beginnen müsse, wenn ich endlich einmal etwas Festes und Bleibendes in den Wissenschaften ausmachen wolle.« (Descartes 1994: 11)

Dieser Zweifel rüttelt also an den Grundfesten meines Weltverständnisses. Er stellt die erste Kantische Frage – „Was kann ich wissen?“ – auf eine radikale, fundamentale Art und Weise. Er ist der Ausgangspunkt einer bisweilen beschwerlichen Reise, an deren Ende die Möglichkeit von Erkenntnis steht. Meine These lautet nun: Die neuen falschen FreundInnen der Skepsis scheuen die Mühen dieser Reise und bleiben lieber gleich daheim – in den bequemen eigenen vier Wänden der unhinterfragten Grundüberzeugung. Daher ist es verwirrend, ja irreführend, von beispielsweise den AgitatorInnen und SympathisantInnen der Querdenken-Bewegung zu sprechen, als seien sie kritische Geister, ZweiflerInnen oder SkeptikerInnen. Völlig zurecht plädiert der Philosoph Claus Beisbart in einer Folge der Sendung Sternstunde Philosophie des SRF Kultur mit dem Titel „Grenzen des Wissens – Gehört Skeptizismus zur Wissenschaft?“ dafür, die sogenannten „Corona-Skeptiker“, als das zu bezeichnen, was sie tatsächlich sind, nämlich „Corona-Leugner“. Was diesen fehlt, ist – auf den Punkt gebracht – ein kritischer Selbstbezug. Es mangelt an der im Grunde sokratischen Bereitschaft, sich die Grenzen des eigenen Wissens bewusst zu machen. Die archetypischen AnhängerInnnen von Verschwörungstheorien verbauen sich gerade dadurch den Weg zu Erkenntnis und kritischer Urteilsfähigkeit, dass sie einer Art Hybris des Scheinwissens verfallen. Sie verfallen dem Irrglauben, in der Lage zu sein, mit einem aus zweifelhaften Internetforen und YouTube-Predigen zusammengeklaubten Argumentationskonstrukt wissenschaftlich fundierte Erkenntnis anzweifeln zu können und damit auch noch ungeschoren davonzukommen. Was den Irrtum der verschwörungsgläubigen Person dabei so brisant macht, ist ihre Überzeugung, im Besitz eines exklusiv wahren Wissens zu seins. Das alleine unterscheidet sie interessanterweise noch nicht von einer philosophierenden Person, bei der bisweilen ähnliche Überzeugungen zu finden sind. Was der Verschwörungstheoretikerin bzw. dem Verschwörungstheoretiker aber fremd ist, ist der Weg des philosophisch-methodischen Zweifelns. Ein Anhänger bzw. eine Anhängerin einer Verschwörungsideologie wie beispielsweise der mittlerweile auch hierzulande beliebten „Deep State“-Theorie, mit der Donald J. Trump 2020 erschreckend erfolgreich Wahlkampf machte, zögert nicht, auch die wissenschaftlich seriöseste Quelle als„Fake der Eliten“ zu diskreditieren, wenn sie das eigene Weltbild ins Wanken bringen könnte. Es werden prinzipiell alle denkbaren Quellen bezweifelt – nur nicht die eigenen. Momente wie Selbstzweifel, kritische Selbstvergewisserung, das Hinterfragen und Infragestellen der eigenen Wissensgrundlagen, also all das, was die Kardinaltugenden eines bzw. einer wahrhaft Zweifelnden sein sollten, haben im hermetisch-ideologischen System der Verschwörungstheorie keinen Platz. Wie problematisch das gerade in einer Situation wie der gegenwärtigen Corona-Pandemie ist, wird derzeit überdeutlich, angesichts problematischer Überzeugung wie dem in Corona-leugnerischen Kreisen immer noch verbreiteten Glauben, dass der Corona-Virus gar nicht existiere oder es sich bei Corona lediglich um so etwas wie eine etwas stärkere Erkältung handele, die maximal für sehr alte und vorerkrankte Menschen gefährlich werden könne. Es wäre verfehlt und würde die stolze Tradition der Begriffe verhöhnen, im Kontext von derartigen Leugnungen wissenschaftlicher Erkenntnis von „Kritik“ oder „Skepsis“ zu sprechen. Doch was wäre als eine kritische, eine skeptische Position in diesem Zusammenhang zu erachten?

Eine im guten kritischen Sinne skeptische Position ist eine, die sich bei gegebener Unklarheit der Situation eines Urteils enthält. Das heißt, die sich im Zweifel für den Zweifel, also für den Verzicht einer Handlungsentscheidung, sei sie sprachlicher oder nichtsprachlicher Art, „entscheidet“. Es ist diese paradoxe Situation, sich gegen ein Entscheiden zu entscheiden, d.h. sich dafür zu entscheiden, sich einer Entscheidung zu enthalten, die dem Zweifel eine dialektische Form gibt. Dieser Zweifel ist Einsicht in die Beschränktheit der eigenen Wissenskapazitäten; er versteht, was er leisten kann, d.h. auch, was er nicht leisten kann, wo es sich zurückzunehmen gilt, wo die Grenzen der eigenen Urteilskraft anzunehmen sind, wo die Wissensgrundlagen defizitär sind. Aus dieser Selbstbeschränkung kann er seine Kraft, sein kritisches Potential ziehen. Was als Ohnmacht oder Selbstaufgabe gelesen werden könnte, ist tatsächlich eine Art der Selbstermächtigung. Der Akt des Sich-Enthaltens kann als eine Rebellion gegen die Zwänge des vorschnellen Handelnmüssens, gegen die Anmaßung von Wissen und „Durchblick“ in Zeiten der absoluten Unübersichtlichkeit verstanden werden. Dass vielen eine solche Haltung der Zurückhaltung in diesen Tagen so schwer zu fallen scheint, ist nicht zuletzt auch eine medienphänomenologische Beobachtung. Die Autorin und Aktivistin Kübra Gümüşay bringt diese gesellschaftliche Tendenz zum kalkulierten Exaltieren der Sensationslust des Publikums in ihrem Buch Sprache und Sein auf den Punkt: „Für Zweifel, Zögern, Reflexion bleibt kaum noch Platz, bis wir schließlich vergessen, dass sie einmal möglich war.“ (Gümüşay 2020: 106) Diese Beobachtung ist richtig und umso erstaunlicher, wenn bedacht wird, wie exzessiv Begriffe wie „Skeptiker“ oder „Zweifler“ im Kontext von Corona-Leugnenden medial Verwendung finden. Im Folgenden möchte ich eines von etlichen möglichen Beispielen anführen. „Wer sind die Skeptiker?“, fragt der Autor Eric Frey (2020) in der Überschrift seines Essay mit dem Titel „Typologie der Corona-Zweifler“ im Standard und beantwortet sich die Frage im weiteren Verlauf des Textes selbst, indem er eine Reihe von Gruppierungen aus dem Spektrum wie Rechtsextreme, VerschwörungstheoretikerInnen und ImpfgegnerInnen auflistet, für die größtenteils die Bezeichnung „Corona-LeugnerInnen“ wesentlich passender wäre als „Corona-ZweiflerInnen“ oder „Corona-SkeptikerInnen“.
Warum aber sind diese Menschen im Namen des Zweifels gegen den Zweifel, warum werden sie zu falschen FreundInnen der Skepsis?

Ich könnte mutmaßen und versuchen, nach Gründen zu suchen, die diese Menschen antreiben, könnte auf ein fehlgeleitetes Verständnis von persönlicher Freiheit, einen Unwillen, soziale Verantwortung zu übernehmen, ein generelles Unverständnis, Wut, Hass und vielleicht auch auf Angst rekurrieren. Da ich jedoch hier lieber erörtern möchte, was in diesem Zusammenhang als eine im richtigen, tatsächlichen Sinne kritische, skeptische Position verstanden werden könnte, möchte ich das Augenmerk jetzt auf diejenigen legen, die ich – plakativ, zugegeben – als die wahren FreundInnen der Skepsis bezeichnen würde, also diejenigen, die sich im Zweifel für den Zweifel entscheiden. Um diese Spur weiterverfolgen zu können, muss ich mich an einen weiteren Begriff aus diesem Bedeutungsfeld hängen; die Rede ist vom „Zaudern“. Wer den Weg des wahrhaften Zweifels gehen möchte, kann viel von dem bzw. der Zaudernden lernen. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogel führt in seinem Essay Über das Zaudern in die Kunst des Zauderns ein und erläutert seine Besonderheiten. Am Beispiel der Orestie des Dichters Aischylos bestimmt Vogel den Charakter des Zauderns als Element dramatischer Handlung folgendermaßen: „Dieses Zaudern ist weder Handeln noch Nicht-Handeln; es markiert stattdessen einen Ort, an dem sich die Komponenten, die Bedingungen und Implikationen des Handelns versammeln, an dem sich also die Tat nicht in ihrem Vollzug, sondern in ihrem Anheben artikuliert.“(Vogel 2008: 36) Dieser Moment eines geladenen In-der-Schwebe-seins setzt ein ungeheures Energiepotential frei, das von reflexiven bzw. reglementierenden Kräften konterkariert wird, was zu einem Aussetzen der Handlung führt. Laut Vogels Erläuterung findet sich dieses Phänomen nicht nur in der Dichtung, sondern auch in der Malerei, so z.B. in der Moses-Darstellung von Michelangelo, die Vogel sich auf Sigmund Freuds Moses-Aufsatz beziehend analysiert:

»Während Mose einerseits von seinem notorischen Zorn oder Jähzorn fort und zur Tat gerissen wird, bewirkt gerade der drohende Fall des Gesetzes eine Umkehr, hemmt und verkehrt er die begonnene Bewegung. […] Somit werden der Zorn und die Tat des Mose durch das Gesetz in eine Fermate gebracht; und somit wird umgekehrt das Gesetz selbst durch den Anbruch der Tat in die Schwebe gehoben. Der Zorn, der die Gesetzestafeln zerbrechen wird, und das Gesetz, das den Zorn hemmt, motivieren und blockieren einander gleichermaßen.« (Vogel 2008: 15f.)

Jenes Kraftfeld aus Zorn und Zweifel, das im Zaudern methodisch-funktionale Gestalt annehmen kann – Vogel (2008: 23) spricht auch von einem „System des Zauderns“ – entfaltet in dem für den vorliegenden Essay titelgebenden Lied „Im Zweifel für den Zweifel“ der diskursbeflissenen Hamburger Indie-Rock-Band Tocotronic ein besonderes poetologisches Spannungspotential, indem das sprechende Ich des Textes in einen tragischen Zauderzusammenhang eingebettet wird:

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform
Im Zweifel für den Zweifel
Und die Unfassbarkeit
Für die innere Zerknirschung
Wenn man die Zähne zeigt

(Tocotronic: „Im Zweifel für den Zweifel“)

Um nun doch noch einmal auf die „faux amis“ der Skepsis zu sprechen zu kommen: Dieses Zerreißen der eigenen Uniform könnte in Rückbezug auf die AnhängerInnen von Verschwörungstheorien ein Bild mit Heilwirkung sein: Das Ablegen des eigenen, unangetasteten Überzeugungs-Korsetts – wie befreiend könnte dies für die TrägerInnen einer solchen Schnürbrust sein! Schließlich engt sie sie ein, nimmt ihnen die Luft zum Atmen und Entwickeln einer skeptischen Haltung, die zu validem kritischem Urteilen befähigte. Dabei muss klar sein: Das Unfassbare zu akzeptieren, heißt nicht, die eigene Wut, die Verzweiflung, den Zorn negieren zu müssen. Es heißt vielmehr zu verstehen, dass sich mit Wut, Verzweiflung und Zorn alleine keine Kritik machen lässt. Kritik kann sie gut gebrauchen, diese energetischen Momente der unmittelbaren Affektivität; sie braucht aber gleichermaßen Kontemplation, Reflexion und Überlegung. Vogel spricht im Kontext dieser spezifischen Art von Gleichzeitigkeit auch von einer „energetischen Inaktivität, von einer resoluten Inaktivierung“ (2008: 23). Oder um im Duktus der tocotronischen Zeilen zu bleiben: Zähne zeigen kann auch, wer sie aufeinanderbeißt. Das heißt es wohl, sich zornig im Zweifel für den Zweifel zu entscheiden. Natürlich ist dieses Moment nicht das Ende der Kritik, sondern erst ihr Anfang. Aber nehmen wir uns doch die Zeit, mit der Philosophie den Weg ohne Abkürzung bis an sein Ende zu gehen. Denn exakt dies ist ein Luxus, den diese Disziplin als kritische Geisteswissenschaft in einer Pandemie bietet, der sie beispielsweise von medizinwissenschaftlichen Fächern wie der Epidemologie unterscheidet, die rasch auf neue Entwicklungen reagieren muss und Handlungsentscheidungen der Politik auf gewisse Weise mittragen muss. Die Philosophie dagegen kann sich Zeit lassen, sie kann sich für ein Aufschieben ihres Urteils entscheiden. Mir ist bewusst, dass dies nach einer dezidiert anti-akzelerationistischen Interpretation von philosophischer Kritik klingen muss. Ich würde diesen Vorwurf – und ich würde einen solchen Einwand als Vorwurf auffassen, da ich eine gewisse Sympathie für den Akzelarationsmus als philosophische Strömung hege – zurückweisen. Die akzelerationistische Kritik läuft ja darauf hinaus, die gegenwärtigen politischen Strukturen aufgrund ihrer Langsamkeit als ungeeignet, auf Krisen wie den Klimawandel oder Phänomene wie den Datenkapitalismus zu reagieren, zu erachten und daher von philosophischer Kritik eine Art Schritthalten mit der Beschleunigung des Lebens zu fordern, was nicht zuletzt als ein mediales, digitales Schritthalten verstanden wird. Was in Bezug auf den Technokapitalismus noch zutreffen mag, nämlich, dass diesem mitnichten ein irrationales Wesen zueigen ist, sondern, dass ihm vernunftbasierte Systeme und rationale Strukturen zugrunde liegen, die menschengemacht sind und als solche kritisiert werden können und müssen, gerät als Kritik in Bezug auf so etwas wie ein Virus schnell in gefährliche verschwörungstheoretische Fahrwasser.

Fest steht doch: An Corona als epidemologisch erwiesenem Faktum gibt es nichts zu kritisieren oder zu zweifeln, wohl aber an politischem Handeln in einer Pandemie. Doch dafür braucht es Zeit für Beobachtung, Zeit für Analysen. Eine philosophische Kritik an politischem Handeln auf der Basis von epidemologischen Erkenntnissen, die der Epidemologie vorauszueilen versucht, widerspricht sich selbst. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem sich jeder und jede zur virologischen Expertise bemüßigt fühlt, braucht es den Mut des Philosophen und der Philosophin, einmal tatsächlich das zu tun, für was er respektive sie traditionell medial allzu gerne gescholten wird: nämlich nicht zu handeln, nicht zu intervenieren. Nicht in dieser Situation, nicht in diesem Moment, nicht auf der Basis dieser Wissenslage. Das muss aber zugleich heißen: Dieses Nicht kann nur als ein Noch-nicht gedacht werden, denn es geht hier eben nicht um ein Abgeben, ein Aufheben von Handlungsgewalt, sondern um ein Aufschieben im besseren Sinn. Es ist dies nicht das Aufschieben in der alltäglichen Bedeutung des Wortes, also im Sinne eines Unterlassens einer als lästig empfundenen Tätigkeit. Es geht hier um das aktive, in gewisser Hinsicht materielle Moment des Aufschiebens, das zu einer Anhebung führen kann. Eine skeptische Person braucht nicht den Elfenbeinturm. Aber vielleicht braucht sie diese Anhöhe. Um sich einen besseren Überblick über die Dinge verschaffen zu können. Vielleicht braucht sie ihre erdige Luft, um durchatmen zu können, ihre Ruhe, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Damit sie zu sich selbst kommen kann. Schließlich: Damit sie das verstehen kann, was sie kritisiert.

Literatur:

Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften. Band 4: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Hrsg. von Rolf Tiedemann. 1. Auflage. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2003.

Althaus, Hans Peter: Deutsche Wörter jiddischer Herkunft. 2., durchgesehene Auflage. München: Verlag C.H. Beck 2006

Descartes, René: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie: mit den sämtlichen Einwänden und Erwiderungen. Übers. und hrsg. von Artur Buchenau. Unveränd. Nachdr. der 1. Auflage von 1915. Hamburg: Meiner 1994.

Gümüşay, Kübra: Sprache und Sein. 11. Auflage. Berlin: Carl Hanser 2020.

Vogel, Joseph: Über das Zaudern, 2. Auflage, Zürich/ Berlin: diaphanes 2008.

Internetquellen:

https://www.derstandard.de/story/2000117639668/typologie-der-corona-zweifler-wer-sind-die-skeptiker. Link zuletzt aufgerufen am 23. Mai 2021.

https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2020/lautloser-sozialer-tod. Link zuletzt aufgerufen am 3. Mai 2021.

https://www.fachzeitungen.de/zeitschrift-magazin-lateral-das-querdenker-magazin. Zuletzt aufgerufen am 3. Mai. 2021.

https://querdenken-711.de/manifest. Link zuletzt aufgerufen am 3. Mai 2021.

https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/die-grenzen-des-wissens?urn=urn:srf:video:19e1141d-6b67-4af3-a32a-ce453a536a6d. Link zuletzt aufgerufen am 3. Mai 2021.

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/coronavirus-demos-uebersicht-100.html. Link zuletzt aufgerufen am 3. Mai 2021.